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Kriminalitätsberichterstattung

Ausländerhass, Fremdenfeindlichkeit

sind als Synonyme für Rassismus und rassistische Tatmotive ungenau, da es selten um tatsächliche Fremde wie etwa Tourist*innen geht. Von der vermeintlichen »Ausländerfeindlichkeit« sind oft deutsche Staatsangehörige betroffen. Werden Ausländerhass oder Fremdenfeindlichkeit als Motive genannt, gibt das die Perspektive der Täter*innen wieder. Präziser ist es, die Straftaten und Motive als rassistisch, rassistisch motiviert, rechtsextrem, rechtsterroristisch oder neonazistisch zu bezeichnen.

Ausländerkriminalität

sollte nicht als eine Bezeichnung für alle Straftaten verwendet werden, die von Ausländern begangen werden, sondern als Oberbegriff für Verstöße, die nur von Ausländer*innen begangen werden können, wie z. B. Visavergehen oder Verstöße gegen Asylgesetze. Alle anderen Straftaten können konkret benannt werden – es ist bei Delikten, die Ausländer*innen seltener begehen (z. B. Steuerflucht) auch nicht von »Deutschen-Kriminalität« die Rede.

Weiterführende Begriffe: AbschiebungBlutracheEhrenmordParallelgesellschaft

Banden

wird in der Kriminalitätsberichterstattung häufig als Schlagwort verwendet, um mit dem Zusatz »aus Südosteuropa« einen Hinweis auf Roma zu implizieren. Der Begriff sollte verwendet werden, wenn er juristisch angebracht ist. So definiert der Bundesgerichtshof eine Bande als
»Zusammenschluss von mindestens drei Personen, die sich mit dem Willen verbunden haben, künftig für eine gewisse Dauer mehrere selbständige, im Einzelnen noch ungewisse Diebes- oder Raubtaten zu begehen«.

Weiterführende Begriffe: Clan

Blutrache

bezeichnet ausschließlich schwere Gewalttaten oder Morde zur Vergeltung der Tötung von Familienmitgliedern. Mitunter wird Blutrache zur Beschreibung anderer Straftaten verwendet, die von Einwanderern oder deren Nachkommen begangen werden. Dabei handelt es sich aber in vielen Fällen schlicht um Rache oder Racheakte.

Clan

gehört zu den Begriffen, die ebenso wie die Schlagworte »Großfamilie« oder »Sippe« auch ohne einen Hinweis auf die Herkunft implizieren, dass es in einem Bericht um Einwanderer geht. Alternativ kann schlicht von einer kriminellen Bande die Rede sein. Auch weil z. B. nicht alle Mitglieder einer Familie (Kleinkinder, Großeltern) sämtlich kriminell sind.

Weiterführende Begriffe: Banden, Blutrache, Ehrenmord, Muslime, Roma, Sinti

Clan-Kriminalität

ist ein stigmatisierender Begriff, der ganze Familien von Einwanderern, auch Kinder, Großeltern und andere Verwandten als kriminell bezeichnet. Zutreffender ist es von organisierter Kriminalität zu berichten.

Weiterführende Begriffe: Bande

Der Gesuchte spricht Deutsch mit türkischem Akzent

ist in fast allen Fällen eine vage Vermutung. Es ist schwer unterscheidbar, ob ein Mensch einen türkischen, kurdischen, persischen, berberischen oder anderen Akzent hat. Entsprechend kann in Meldungen zur Fahndungshilfe wahrheitsgemäß formuliert werden spricht Deutsch mit Akzent oder sprach Deutsch mit einem Akzent, der vom Zeugen als türkisch eingeschätzt wurde.

Der Kölner Behrouz F.

bei der Nennung von Namen oder Alias-Namen in Berichten ist eine Verbindung mit dem Wohnort zu empfehlen. Auch eine Nennung des Wohnbezirks kann sinnvoll sein, weil sie oft mehr Aussagekraft hat als die Herkunft. Vor allem in ausführlichen Berichten, ist es meist aufschlussreicher zu erfahren, ob Behrouz F. in einem Arbeiterkiez oder Nobelviertel wohnt. Formulierungen wie »der Iraner Behrouz F. aus Köln« oder »der iranischstämmige Behrouz F.« hingegen machen eher deutlich, dass Behrouz F. weder echter Kölner noch Deutscher ist oder sein kann.

Der türkischstämmige Tatverdächtige

(besser: türkeistämmige) Grundsätzlich sollte die Herkunft von Straftäter*innen oder Verdächtigen nur dann genannt werden, wenn ein Bezug zur Tat besteht und die Information zum Verständnis notwendig ist. Das wäre etwa der Fall, wenn z.B. ein kultureller oder religiöser Hintergrund bei der Entscheidung in einem Gerichtsverfahren berücksichtigt wird. Gibt es keinen sachlichen Bezug zum Tathergang, wird durch die explizite Nennung der ethnischen Herkunft von Straftäter*innen oder Verdächtigen in der Nachricht ein vermeintlich ursächlicher Zusammenhang hergestellt. Zum Vergleich: Es ist auch nicht üblich, von deutschstämmigen Täter*innen zu sprechen.

Ehrenmord

definieren Expert*innen für das Bundeskriminalamt so: »Tötungsdelikte, die im Kontext patriarchalisch geprägter Familienverbände oder Gesellschaften vorrangig von Männern an Frauen verübt werden, um die aus Tätersicht verletzte Ehre der Familie oder des Mannes wiederherzustellen«1. Teils wird die Bezeichnung jedoch allgemein verwendet, zum Beispiel wenn ein türkeistämmiger Mann seine Frau umbringt. In vielen Fällen würde die gleiche Tat, begangen in einem standarddeutschen Umfeld Familientragödie oder Beziehungstat genannt. Die Weltgesundheitsorganiation (WHO) verwendet für solche Taten den Begriff Femizid. Alternative: Frauenmord.

Extremismus

bezeichnet laut Polizei und Verfassungsschutz extreme politische Haltungen, mit dem Ziel sie gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung durchzusetzen. Extremisten handeln verfassungsfeindlich, oft auch gewaltsam. Der Begriff ist umstritten, weil er undifferenziert ist und voraussetzt, dass es nur einen extremen linken und rechten Rand gibt. Ideologien der Ungleichwertigkeit und die Ablehnung der Demokratie finden sich jedoch auch in der Mitte der Gesellschaft. Umgangssprachlich wird Extremismus oft irrtümlich mit Radikalismus gleichgesetzt. Siehe auch Rechtsextremismus.

Weiterführende Begriffe: Hasskriminalität, Neonazi, Rechtspopulist, Dschihadismus.

Hasskriminalität, Hassverbrechen

deutsch für Hate-Crime, bezeichnet Gewalt- und Straftaten, die z.B. durch Rassismus, religiöse Intoleranz, Trans- oder Homofeindlichkeit und Ähnlichem motiviert sind. Hasskriminalität ist sinnvoll zur Benennung von Straftaten, wenn die Betroffenen von den Täter*innen als »anders« und nicht als gleichwertige Menschen angesehen werden. In der Kriminologie werden die Fachbegriffe Vorurteilskriminalität und Vorurteilsverbrechen benutzt. Wissenschaftlich formuliert wäre das Motiv gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

Ideologien der Ungleichwertigkeit

sind Weltanschauungen, in denen die Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung aller Menschen grundlegend abgelehnt werden. Ideologien der Ungleichwertigkeit sind u.a. Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Sozialdarwinismus, Chauvinismus sowie Homo- und Transfeindlichkeit. Sie können sich in Hasskriminalität äußern.

Messereinwanderung

ist ein propagandistischer Begriff, den die AfD-Bundestagsfraktion 2018 aufgebracht hat und der von einigen Boulevard-Medien (»Messer-Angst!«) aufgenommen wurde. Für die Behauptung, Gewalttaten von Migranten mit Messern seien bundesweit stark angestiegen seien, gibt es keine seriösen statistischen Belege, u.a. weil Landesbehörden solche Straftaten auf sehr unterschiedliche Weise erfassen.

Weiterführende Begriffe: Ausländerkriminalität, Banden, Clan, Überfremdung

Mord im Namen einer vermeintlichen Ehre / Mord im Namen eines althergebrachten Begriffs von Ehre

sind reflektierte Alternativen für Ehrenmord, wenn man sich in der Berichterstattung vom Motiv des Täters distanzieren will. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verwendet für solche Morde den politischen Begriff Femizide. Handelt es sich eindeutig um einen Mord im Namen einer vermeintlichen Ehre, kann man der Idee der Istanbuler Initiative »Kadın Cinayetlerini Durduracagız« folgen: Die Frauenrechtlerinnen plädieren für den Begriff Frauenmord als Synonym, da er die Betroffenen und die Tat in den Fokus rückt. Allerdings zählen zu den Opfern manchmal auch Männer, die am vermeintlichen »Ehrbruch« beteiligt waren oder homosexuell sind.

Opfer

ist in der Kriminaliätsberichterstattung gängig als Bezeichnung für Betroffene von Gewalt oder Diskriminierung. Mit dem Begriff werden allerdings Eigenschaften wie Hilflosigkeit oder Versagen assoziiert. Eine sinnvolle Alternative ist: Betroffene.

Osteuropäischer Herkunft, arabischstämmig

etc. sind meist mutmaßliche Beschreibungen und sollten mit Bedacht verwendet werden. Grundsätzlich sind in Fahndungshilfen nur Formulierungen zu empfehlen, die auf Tatsachen beruhen und wirklich hilfreich sind. Die Zuordnung eines Menschen zu großen Regionen, wie Arabien, Osteuropa, Asien etc. sind kaum nützlich für die Fahndung, dafür aber stark verallgemeinernd.

Radikalismus

beschreibt radikale politisch-ideologische Positionen, die die Grundwerte unserer freiheitlichen Demokratie nicht generell in Frage stellen. Man kann Radikalismus als eine Art legale Vorstufe zum Extremismus betrachten. Radikale haben zum Ziel unsere Gesellschaftsordnung grundlegend zu verändern, bewegen sich dabei aber noch innerhalb der Grenzen der Verfassung. »Radikale politische Auffassungen haben in unserer pluralistischen Gesellschaft ihren Platz«, heißt es laut Verfassungsschutz1.